Naturpark Sierra de Las Villas

Mediterrane Orchideen im Naturpark
Sierras de Cazorla Segura y Las Villas



Europäische Orchideen sind nicht nur beliebte Fotomotive auf Wanderungen, sondern auch ein
unerschöpfliches Betätigungsfeld für Spezialisten. Hier stellen wir die Orchideen-Flora
im Naturpark Sierras de Cazorla Segura y Las Villas vor




Barlia robertiana - Habitus
Riesen-
Knabenkraut

Barlia robertiana - Blüte
Barlia - Blüte

Als erste Orchidee im Jahr erscheint das stattliche Riesen-Knabenkraut Barlia robertiana bei uns in der Sierra Las Villas. Der exakte Blühtermin ist dabei nur schwer einzuschätzen, die Blütezeit liegt zwischen Anfang Februar und Mitte April, je nach Höhenlage und den winterlichen Klimabedingungen.

So fand ich sie nach einem milden Winter auf über 1000 m bereits Mitte Februar, in einem anderen Jahr auf ca 700 m erst im April.

Das Riesen-Knabenkraut wächst gerne im lichten Pinienwald und ist kaum zu übersehen. Die Pflanze ist kräftig und erreicht eine Höhe von 80 cm, die Lippe der relativ grossen Blüten ist deutlich 3-lappig, der Mittellappen nochmals tief eingeschnitten. Die Färbung variiert zwischen schmutzigem Grünbraun bis kräftig violett.

Sehr markante Pflanze, Verwechslungsgefahr besteht eigentlich keine.


Ist der "Startschuss" erstmal gegeben, geht es Schlag auf Schlag. Die Hochsaison für Orchideen im Cazorla-Gebiet liegt zwischen Mitte April und Mitte Juni, wobei natürlich nie alle zur selben Zeit blühend anzutreffen sind. Wie überall im Reich der Pflanzen, gibt es Frühblüher und Spätblüher, und speziell im Gebirge spielen auch noch Klimafaktoren und die Höhenlage eine grosse Rolle. Das eben genannte Beispiel der Barlia macht diese Schwankungen recht deutlich.

Gelbe Ragwurz - Ophrys lutea Spiegelragwurz - Ophrys vernixia
Gelbe Ragwurz und Spiegel-Ragwurz

Bei den Ragwurz-Arten macht die Braune Ragwurz Ophrys fusca den Anfang, dicht gefolgt von Gelbe Ragwurz Ophrys lutea, wobei Erstere eher vereinzelt auftritt, die Gelbe dagegen an geeigneten Standorten dicht an dicht steht und oft mehrere Quadratmeter bedeckt.

Schwarze Ragwurz - Ophrys atrata
Schwarze Ragwurz


Dazwischen finden sich gelegentlich wahre Prachtexemplare der metallisch blau glänzenden Spiegel-Ragwurz Ophrys vernixia, die aber gerne im Schutz von Zistrosen-Gestrüpp wächst und die man deshalb oft lange suchen muss.

Die Schwarze Ragwurz Ophrys atrata blüht ebenfalls in kleineren Büscheln nebeneinander, dieser Angehörigen der Spinnenragwurz-Gruppe begegnet man hie und da, die kleinen, dunkel-samtig schimmernden elliptischen Blüten mit der blauen H-Zeichnung fallen kaum auf im dichten Gras und Kraut.

Schnepfenragwurz - Ophrys scolopax Wespenragwurz - Ophrys tenthredinifera
Schnepfen-Ragwurz und Wespen-Ragwurz

Der Bienen-Ragwurz, die auch im Cazorla-Gebiet vorkommt, ähnlich - aber unverkennbar an der Blütenlippe mit den wie zur Abschreckung vorgestreckten langen, spitzen Hörnern und dem aufwärts gebogenen Anhängsel, erscheint die Schnepfen-Ragwurz Ophrys scolopax in allen nur denkbaren Variationen.

Nicht ganz so zahlreich, aber durchaus nicht gerade selten, ist die Wespen-Ragwurz Ophrys tenthredinifera, deren äussere Form stark an die Hummel-Ragwurz erinnert. Charakteristisch für die Wespe ist vor allem der breite gelbe Lippenrand.


Hügelknabenkraut - Orchis collina
Hügel-
Knabenkraut

Wanzen-Knabenkraut - Orchis coriophora
Wanzen-Knabenkraut

Schmetterlings-Orchis - Orchis papilionacea
Schmetterlings-Orchis

Die Knabenkräuter schliesslich stellen mal wieder, wie üblich, den Grossteil der "Belegschaft" - wen wundert's. Immerhin umfassen sie mit den beiden Gattungen Dactylorhiza und Orchis die zahlenmässig meisten Arten im Gebiet und waren namengebend für die gesamte Pflanzen-Familie.

Diese blasse, fast weisse Form vom Hügel-Knabenkraut Orchis collina stand viele Jahre bei uns am Adlernest - seit ein paar Jahren ist sie leider spurlos verschwunden. Alles andere als verschwunden ist unser Wanzen-Knabenkraut Orchis coriophora. Zu Anfang waren es nur ein paar, mittlerweile geht ihre Zahl in die Hunderte, seit wir unsere Heuwiese mit einem Zaun gegen Kahlfrass durch Schafe, Ziegen und Steinböcke geschützt haben. Die "Wanze" ist sehr gut vertreten im ganzen Naturpark, wird aber oft übersehen, weil die Pflanzen unscheinbar und die Blüten winzig sind, und keine auffälligen Farben besitzen. So richtig tritt die Zugehörigkeit zur Orchideen-Familie eigentlich erst stark vergrössert in der Nahaufnahme zutage.

Die Schmetterlings-Orchis Orchis papilionacea dagegen leuchtet schon von Weitem mit kräftigen Signalfarben und sticht deutlich aus der grünen Frühsommerwiese heraus. Hier gibt es keine Zweifel an der Verwandtschaft - der Blütenbau ist typisch für unsere Orchideen.

Braunrote Stendelwurz - Epipactis helleborine
Braunrote
Stendelwurz

Sumpf-Stendel - Epipactis palustris
Sumpf-Stendel

Ihren exotischen Verwandten am nächsten kommen die beinahe schon fantastisch anmutenden Blüten der Gattung Stendelwurz (Epipactis). Sie zeigen den charakteristischen Aufbau der Orchideenblüte aus zwei Kreisen zu je drei Blütenblättern, wobei die äusseren Kelchblätter (Sepalen) mehr oder weniger gleichgestaltet sind, das untere Blatt der inneren Petalen dagegen recht skurrile Formen annimmt in seiner Eigenschaft als "Landeplatz" für die bestäubenden Insekten.

Attraktive Vetreter dieser Gattung in der Sierra de Cazorla sind die Braunrote Stendelwurz Epipactis helleborine, eine stattliche Pflanze der Waldränder und Gebüschzonen, sowie der Sumpf-Stendel Epipactis palustris, ein (seltener) Bewohner feuchter bis nasser Wiesen.

Puppenorchis - Aceras anthropophorum Riemenzunge - Himantoglossum hircinum
Puppenorchis und Riemenzunge


Weitere Orchideen der Trockenwiesen und Lichtungen im Kiefern- und Steineichen- Wald sind die zierliche Puppenorchis Aceras anthropophorum, die drei Waldvögelein- (Cephalanthera) Arten, die eher unscheinbare Gefleckte Waldwurz Neotinea maculata sowie die Riemenzunge Himantoglossum hircinum, von der Sie hier in der Sierra wahre Giganten von bis zu 1 Meter Höhe antreffen können, manchmal direkt am Strassenrand.

Rotes Waldvögelein - Cephalanthera rubra Herbst-Drehwurz - Spiranthes spiralis
Rotes Waldvögelein und Herbst-Drehwurz


Als letzte, quasi als Nachzügler, beschliesst die Herbst-Drehwurz Spiranthes spiralis die Orchideen-Saison. Sie wächst auf kleinen, grasigen Lichtungen im Pinienwald, oft zusammen mit dem Herbstkrokus. Die Pflanze ist winzig, die weissen Blüten nur wenige Millimeter gross, sodass sie vermutlich meistens übersehen wird. Wie der Name andeutet, erscheint sie erst im Spätjahr, nach den ersten herbstlichen Regenfällen im September oder Oktober.



Das war zwar noch nicht alles, aber wir wollen es auch nicht übertreiben.
Wer es ganz genau wissen möchte, kann die nachfolgende Liste studieren -
oder er kommt zu uns zur Orchideen-Pirsch am Adlernest.




Für die Spezialisten: vorläufige Liste der Orchideen im Cazorla-Gebiet


Die Orchideen-Flora im Naturpark Sierras de Cazorla Segura y Las Villas

Alle bisher im Gebiet des Naturparks festgestellten Arten


Aceras anthropophorum
Anacamptis pyramidalis
Barlia robertiana
Cephalanthera damasonium
Cephalanthera longifolia
Cephalanthera rubra
Dactylorhiza sambucina
Dactylorhiza sulphurea
Dactylorhiza maculata
Dactylorhiza saccifera
Dactylorhiza elata
Dactylorhiza incarnata
Epipactis atrorubens
Epipactis helleborine
Epipactis palustris
Epipactis microphylla
Epipactis parviflora
Gymnadenia conopsea
Himantoglossum hircinum

Orchis laxiflora
Orchis morio
Orchis olbiensis
Orchis champagneuxii
Orchis papilionacea
Orchis coriophora
Orchis simia
Orchis purpurea
Orchis ustulata *
Platanthera chlorantha
Serapias lingua
Serapias parviflora
Spiranthes aestivalis
Spiranthes spiralis *

Limodorum abortivum
Listera ovata
Neotinea maculata
Neottia nidus-avis
Ophrys vernixia
Ophrys lutea
Ophrys fusca
Ophrys dyris
Ophrys tenthredinifera
Ophrys apifera
Ophrys scolopax
Ophrys atrata
Ophrys sphegodes
Orchis spitzelii
Orchis cazorlensis **
Orchis collina
Orchis italica
Orchis langei
Orchis mascula


* Das Brand-Knabenkraut Orchis ustulata und die Herbst-Drehwurz Spiranthes spiralis kommen, laut spanischer Fachliteratur (offizielle Pflanzen-Liste der Universität Jaén), in der ganzen Provinz Jaén nicht vor, sind aber von uns eindeutig identifiziert worden. Wer sich auskennt, wird mir bestätigen, dass es für einen Fachmann da kaum Möglichkeiten zur Verwechslung gibt.


** Ob es sich bei Orchis cazorlensis tatsächlich um eine eigenständige Art handelt, sei erstmal noch dahingestellt. Die Spanier neigen in ihrer plötzlich entdeckten Natur-Euphorie gerne dazu, lokale Formen oder Unterarten von Tieren und Pflanzen kurzerhand als eigenständige - womöglich gleich endemische - Arten zu deklarieren.



Die obige Liste orientiert sich an "Orquidáceas del Parque Natural de las Sierras de Cazorla, Segura y Las Villas" von Alfredo Benavente Navarro, Linares 1999


Da sowohl die Liebe zur, als auch das Interesse an der Natur, und vor allem der Schutz derselben in Spanien noch tief in den Kinderschuhen steckt, ist durchaus anzunehmen, dass noch weitere Arten zu finden sind. Denn das Gebiet ist riesig, und wirkliche Fachleute sind äusserst selten. Der normale spanische Urlauber und Wanderer kennt nur wenige Pflanzen - und beim Thema Orchideen erntet man meist nur verständnislose Blicke.